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Wie man ein Nährwertetikett wirklich liest (ohne sich verrückt zu machen)

Du stehst im Supermarkt, zwei Proteinriegel in der Hand. Auf dem einen steht "20g Protein", auf dem anderen "ohne Zuckerzusatz". Beide haben eine Nährwerttabelle, die aussieht wie ein Kontoauszug. Du stellst beide zurück und greifst zum gewohnten Riegel. Das kennen wir alle.

Etiketten lesen ist nicht schwer. Das Problem ist, dass uns niemand erklärt hat, worauf man achten soll und in welcher Reihenfolge. Das ändern wir jetzt.

Das Erste: die Portionsgröße

Bevor du auf Kalorien, Fett oder Protein schaust, gibt es eine Sache zu prüfen: die Portionsgröße auf dem Etikett. Es ist die am meisten ignorierte Zahl und diejenige, die alles andere verzerrt.

Eine Packung Kekse kann "89 kcal pro Portion" angeben, wobei eine Portion 2 Kekse sind. Wenn du 6 isst (eine ziemlich normale Menge), sind das 267 kcal. Das Etikett lügt nicht. Es ist nur so, dass die Vorstellung des Herstellers von einer "Portion" selten mit dem übereinstimmt, was Menschen tatsächlich essen.

In Deutschland regelt die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) — die nationale Umsetzung der EU-Verordnung 1169/2011 — wie Nährwertinformationen deklariert werden müssen. Die zentrale Regel: Nährwerte müssen immer pro 100 g oder 100 ml angegeben werden. Das ist Pflicht. Viele Hersteller fügen zusätzlich eine "pro Portion"-Angabe hinzu, aber die Portionsgröße bestimmt der Hersteller selbst. Es gibt keinen universellen Standard.

Das ist ein Vorteil gegenüber Ländern, in denen nur "pro Portion" vorgeschrieben ist. In Deutschland hast du immer eine vergleichbare Basis.

Praktische Regel: Ignoriere die Spalte "pro Portion". Schau immer auf die Spalte "pro 100 g". Das ist die einzige Möglichkeit, zwei Produkte fair zu vergleichen.

Noch ein Hinweis: Immer mehr Produkte in Deutschland tragen den Nutri-Score auf der Vorderseite — eine farbige Skala von A (grün) bis E (rot). Wenn du schnell zwischen zwei ähnlichen Produkten entscheiden willst, ist der Nutri-Score ein nützlicher erster Filter. Mehr dazu weiter unten.

Der Nutri-Score: ein schneller Kompass

Der Nutri-Score wurde in Frankreich entwickelt und 2020 in Deutschland als freiwilliges Kennzeichnungssystem eingeführt. Seitdem tragen immer mehr Produkte im deutschen Handel diese farbige Skala auf der Vorderseite.

So funktioniert er: Ein Algorithmus bewertet den Nährwert eines Produkts pro 100 g. Ungünstige Inhaltsstoffe (Zucker, gesättigte Fettsäuren, Salz, Kalorien) verschlechtern die Bewertung. Günstige Inhaltsstoffe (Ballaststoffe, Protein, Obst/Gemüse/Nüsse-Anteil) verbessern sie. Das Ergebnis ist ein Buchstabe von A bis E:

Nutri-ScoreBedeutung
A (dunkelgrün)Günstige Nährwertbilanz
B (hellgrün)Eher günstig
C (gelb)Mittelmäßig
D (orange)Eher ungünstig
E (rot)Ungünstige Nährwertbilanz

Der Nutri-Score ist am nützlichsten, wenn du Produkte innerhalb derselben Kategorie vergleichst. Eine Tiefkühlpizza mit Nutri-Score B ist besser als eine mit D. Aber ein Nutri-Score A bei Limonade (weil sie zuckerfrei ist) sagt nichts darüber aus, ob Limonade generell eine gute Wahl ist.

Auch die Grenzen sind wichtig: Olivenöl bekommt einen schlechten Nutri-Score, weil der Algorithmus den hohen Fettgehalt bestraft — obwohl Olivenöl ein ernährungsphysiologisch wertvolles Lebensmittel ist. Naturprodukte ohne Verpackung (frisches Obst, Gemüse, Fisch) tragen keinen Nutri-Score, und sie brauchen auch keinen.

Der Nutri-Score ersetzt nicht das Lesen der Nährwerttabelle. Aber er spart dir 10 Sekunden, wenn du vor dem Regal stehst und dich zwischen zwei Joghurts oder zwei Müslis entscheiden musst.

Die vier Zahlen, die zählen

Ein Nährwertetikett hat viele Zahlen. Du musst dir nicht alle merken. Konzentriere dich auf diese vier, pro 100 g:

Kalorien (kcal). Die Gesamtenergie. Eine Kontextzahl. Naturjoghurt hat etwa 60 kcal/100 g. Kekse etwa 450 kcal/100 g. Kekse sind nicht "schlecht", aber 100 g Kekse liefern dieselbe Energie wie 750 g Joghurt. Das sollte man wissen.

Protein (g). Wie viel des Produkts zum Aufbau und Erhalt von Muskelgewebe beiträgt. Allgemeine Orientierung: proteinreiche Lebensmittel haben über 15 g/100 g. Cerealien liegen meist zwischen 7 und 12 g.

Zucker (g). Innerhalb der Kohlenhydrate zeigt die Zuckerzeile den Gesamtzucker: sowohl natürlich vorkommenden (Laktose im Joghurt, Fruktose im Obst) als auch zugesetzten. Die WHO empfiehlt, freie Zucker auf weniger als 25 g pro Tag zu begrenzen (WHO, 2015). Eine 330-ml-Dose Limonade kann 35 g enthalten.

Gesättigte Fettsäuren (g). Nicht alle Fette sind gleich. Gesättigte Fette sind diejenigen, die am konsistentesten mit kardiovaskulärem Risiko in Verbindung gebracht werden, wenn sie im Übermaß konsumiert werden (Sacks et al., Circulation, 2017). Unter 5 g/100 g ist ein guter Richtwert für die meisten Produkte.

Der 100-g-Trick zum Vergleichen

Stell dir zwei Tomatensaucen vor. Eine sagt "nur 30 kcal pro Portion" (Portion: 30 g). Die andere sagt "45 kcal pro Portion" (Portion: 50 g). Auf den ersten Blick sieht die erste besser aus. Aber schau auf die 100-g-Werte:

Sauce A (pro 100 g)Sauce B (pro 100 g)
Kalorien100 kcal90 kcal
Zucker12 g6 g
Gesättigte Fettsäuren1,5 g0,8 g
Salz2,1 g1,3 g

Sauce B ist in allem besser. Aber Sauce A schien "pro Portion" zu gewinnen, weil ihre Portion kleiner war. Viele Hersteller machen das. Es ist nicht illegal. Aber es ist irreführend.

Wie man versteckten Zucker erkennt

Die Zutatenliste ist Pflicht und nach Gewicht sortiert, vom meisten zum wenigsten. Wenn Zucker in den ersten drei Positionen steht, hat das Produkt viel Zucker. Aber die Hersteller wissen das und teilen Zucker manchmal in verschiedene Formen auf, damit jede einzelne weiter unten in der Liste erscheint.

Namen, die zugesetzten Zucker bedeuten:

  • Alles, was auf -ose endet: Glukose, Fruktose, Saccharose, Dextrose, Maltose
  • Sirupe: Maissirup, Glukose-Fruktose-Sirup, Agavensirup, Ahornsirup
  • Honig, Melasse, Fruchtsaftkonzentrat
  • Maltodextrin, Dextrin

Eine Studie im JAMA Internal Medicine (Yang et al., 2014) fand heraus, dass Menschen, die 17-21 % ihrer Kalorien aus zugesetztem Zucker konsumierten, ein um 38 % höheres Risiko hatten, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, verglichen mit denen, die weniger als 8 % konsumierten.

Was die Angaben auf der Verpackung wirklich bedeuten

Die Wörter, die groß auf der Verpackung stehen (light, zero, Vollkorn, natürlich), sind nicht nur Marketing. Sie sind reguliert. Aber sie bedeuten nicht immer das, was wir denken.

Light / leicht. Nach EU-Recht (Verordnung EG 1924/2006, die sogenannte Health-Claims-Verordnung) darf ein Produkt nur dann "light" oder "leicht" genannt werden, wenn es mindestens 30 % weniger des hervorgehobenen Nährstoffs (Fett, Zucker) oder der Kalorien enthält als das Referenzprodukt. Aber "30 % weniger" von viel ist immer noch viel. Light-Kartoffelchips mit 30 % weniger Fett haben immer noch mehr Fett als die meisten Lebensmittel.

Zero / zuckerfrei. Bedeutet weniger als 0,5 g Zucker pro 100 g. Es bedeutet nicht, dass es gesund ist. Eine "Zero"-Limonade hat 0 Kalorien, aber ist immer noch Wasser mit Süßstoffen und Zusatzstoffen.

Vollkorn. In Deutschland gibt es hier eine klarere Regelung als in vielen anderen EU-Ländern. Die Leitsätze für Brot und Kleingebäck des Deutschen Lebensmittelbuches schreiben vor: Ein Vollkornbrot muss mindestens 90 % Vollkornmehl (bezogen auf den Gesamtmehlanteil) enthalten. Das ist ein hoher Standard und macht "Vollkorn" bei deutschem Brot zu einer relativ verlässlichen Angabe. Bei anderen Produkten wie Cerealien, Keksen oder Knäckebrot gilt diese strenge Regelung allerdings nicht. Dort kann "mit Vollkorn" auch 15 % Vollkornmehl bedeuten. Der Praxischeck bleibt derselbe: Vollkornmehl sollte die erste Zutat in der Liste sein.

Ohne Transfette. Seit 2021 darf der Gehalt an industriellen Transfetten in der EU 2 g pro 100 g Fett nicht überschreiten (Verordnung EU 2019/649). Aber Lebensmittel müssen Transfette nicht auf dem Etikett deklarieren. Wenn ein Inhaltsstoff "teilweise gehärtetes Pflanzenöl" heißt, sind Transfette enthalten.

Praktische Übung: einen Proteinriegel lesen

Nehmen wir einen "Fitness"- oder "High Protein"-Riegel aus dem Supermarkt. Typische Werte pro 100 g:

NährstoffTypischer Wert
Kalorien370-400 kcal
Protein25-30 g
Kohlenhydrate35-45 g
davon Zucker15-25 g
Fett12-18 g
davon gesättigte Fettsäuren6-10 g
Ballaststoffe3-5 g

Sieht gesund aus wegen des hohen Proteingehalts. Aber 15-25 g Zucker pro 100 g rivalisiert mit vielen Süßigkeiten. Und wenn die Zutatenliste Zuckeralkohole nennt (Maltit, Erythrit), verstecken diese Kalorien, die das Etikett herunterspielt. Ein 60-g-Riegel kann 9-15 g Zucker enthalten, plus die Polyole.

Vergleiche jetzt mit zwei gekochte Eier + eine Handvoll Mandeln (30g):

Nährstoff2 Eier + 30 g Mandeln
Kalorien~300 kcal
Protein20 g
Kohlenhydrate3 g
davon Zucker1 g
Fett23 g (überwiegend ungesättigt)
davon gesättigte Fettsäuren5 g
Ballaststoffe3 g

Weniger Kalorien. Ähnlich viel Protein. Praktisch kein Zucker. Mehr Fett, aber überwiegend ungesättigt. Keine Zusatzstoffe, keine künstlichen Süßstoffe, mehr Sättigung. Eier und Mandeln brauchen keine auffällige Verpackung.

Wenn du trotzdem Riegel kaufen willst: achte auf weniger als 5 g Zucker, mehr als 20 g Protein, und lies die Zutatenliste. Je kürzer die Liste, desto besser.

Worüber man sich nicht verrückt machen sollte

Etiketten lesen ist nützlich, aber es hat Grenzen. Du musst nicht jedes Produkt bei jedem Einkauf analysieren. Ein paar bewusste Lesesitzungen, wenn du ein neues Produkt ausprobierst, reichen aus. Wenn du weißt, was du regelmäßig kaufst, musst du das Etikett nicht jede Woche erneut lesen.

Es lohnt sich auch nicht, Nachkommastellen zu vergleichen. Der Unterschied zwischen 2,1 g und 2,3 g gesättigten Fettsäuren ist irrelevant. Was zählt, ist das Gesamtbild: Produkte erkennen, die deutlich mehr Zucker, Salz oder Fett haben, als sie vermuten lassen.

Und noch etwas: Etiketten messen nicht die Gesamtqualität eines Lebensmittels. Eine Avocado hat viel Fett. Eine Banane hat viel Zucker. Beide sind ausgezeichnete Lebensmittel. Frische Produkte ohne Etikett (Obst, Gemüse, lose Hülsenfrüchte, Fisch, frisches Fleisch) sind meist die besten Optionen, gerade weil sie dich von nichts überzeugen müssen.

Zusammenfassung

PrinzipIn der Praxis
Immer pro 100 g schauenDie "pro Portion"-Spalte ignorieren — die LMIV garantiert dir die 100-g-Angabe
Nutri-Score als SchnellcheckHilfreich zum Vergleichen innerhalb einer Produktkategorie, aber kein Ersatz für die Nährwerttabelle
Die 4 SchlüsselzahlenKalorien, Protein, Zucker, gesättigte Fettsäuren
Versteckten Zucker erkennenNach Zutaten suchen, die auf -ose enden, Sirupe, Honig, Maltodextrin
"Light" heißt nicht "gesund"Es bedeutet nur 30 % weniger als das Original (EG 1924/2006)
"Vollkorn" ist bei Brot verlässlichVollkornbrot = mindestens 90 % Vollkornmehl. Bei Cerealien und Keksen: prüfe die Zutatenliste
Nicht verrückt machenEin paar bewusste Lesesitzungen sind mehr wert als jede Packung zu analysieren

Ein Etikett zu lesen macht dich nicht zum Ernährungsberater, und es sollte keine Pflicht werden. Aber 30 Sekunden darauf zu verwenden, die richtigen Zahlen in der richtigen Reihenfolge zu lesen, gibt dir ein Werkzeug, das ein Leben lang funktioniert. Und das reicht.